Sunday, May 29th, 2011

New Yorker Taxifahrt

New York City. Mit dem Taxi von der Upper East Side zum West Village. Der fast 90jährige Taxifahrer hört uns deutsch sprechen.

Ich kann Sie nicht verstehen, sagt er, sie sprechen so schnell. Wir fragen erstaunt zurück, ob er Deutsch spreche??? Ja natürlich, sagt er. Ich war lange in Deutschland….

Und dann beginnt er zu erzählen:

Ich war ein junger Mann damals. Ich war in Dachau, Buchenwald und Auschwitz. Zwangsarbeit. Es war hart. Wir haben Schienen verlegt. Für Hitlers Eisenbahn, die den Nachschub in die eroberten Gebiete gebracht hat. Mach mal, mach mal…hat unser Aufseher immer gerufen.

1945 sind wir befreit worden. Ein katholischer Priester hat mich bei sich aufgenommen. Später gab es den Erlass, dass alle Juden in der amerikanisch besetzten Zone Deutschlands in die USA ausreisen durften. Der Priester hat für mich gebürgt. So kam ich nach New York. Und hier bin ich dann geblieben.

Wir sind ganz still geworden. Beschämt. Was sollen wir antworten? Wir fragen, auf Deutsch, aber langsamer: Sind sie nie zurück gekehrt nach Deutschland?

Nein, nie. Sagt unser Taxifahrer. Einmal bin ich zurückgegangen in meine Heimat. Ein kleines Dorf in Slowenien, am Rande der Karpaten. Dort habe ich eine Gedenktafel angebracht. Für die jüdische Gemeinde meines Ortes. Ich habe als einziger überlebt.

Es ist ganz ruhig in unserem Taxi. Draussen rauscht Manhattan an uns vorbei.

Erzählt man den Kindern heute in der Schule, was damals in Deutschland passiert ist?, will unser Fahrer wissen.

Ja natürlich, antworten wir. Der Nationalsozialismus, das 3. Reich, Hitlers Greueltaten werden ausführlich im Unterricht behandelt. Der Besuch eines Konzentrationslagers ist Pflicht für alle Schüler. Damit so etwas  Schreckliches nie wieder passieren kann.

Unser Taxifahrer nickt. Er ist zufrieden. Doch eine Frage hat er noch:

Ein Volk wie die Deutschen. So voller Kultur, Tradition. Das waren doch keine Barbaren. Wie konnte das nur geschehen. Warum haben sie uns umgebracht?

Wir wissen die Antwort nicht. Keine zeitgeschichtliche Analyse, wissenschaftliche Erörterung kann sie geben. Wir verabschieden uns. Ein ‘Es tut mir so leid’ liegt mir auf den Lippen. Es klingt so entsetzlich klein. Was soll man sagen?

20 Minuten hat unsere Fahrt durch New York gedauert. Ein fast 90jähriger Jude aus Slowenien hat uns mit seiner Geschichte berührt. Er hat sie fast beiläufig, ganz unaufgeregt erzählt.

Wir dürfen sie nie vergessen.


10 years ago 7 Comments Short URL

7 Comments

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