Thursday, April 24th, 2014

College-Messe oder der Weg zur Traum-Uni

(photo credit Washington Post)

Ganz links in der Halle geht es mit A wie Allegheny College los. Am anderen Ende  steht der Vertreter von W wie Wooster College.

Welcome zur Washington Area College Fair. Jedes Jahr im April stellen sich hier die amerikanischen Universitäten ihren zukünftigen Studenten vor. 185 sind es in diesem Jahr. Ein paar britische und kanadische Schulen sind auch gekommen.

Zwischen den engen Gängen und schmalen Tischen versuchen tausende von hoffnungsvollen High School Juniors (11. Klässler) ihre Traum-Uni zu finden.

Wir suchen den Stand von Tufts University. Die private Uni in der Nähe von Boston belegt Nummer 28 im internationalen US Uni-Ranking. Nicht Harvard oder Yale, aber auch eine der besseren amerikanischen Bildungsstätten. Nur 20 Prozent aller Bewerber wird ein Studienplatz angeboten.

Der junge Mann vom Tufts Aufnahme-Ausschuss trägt Fliege. Vor ihm auf dem Tisch liegen viele bunte Broschüren. Sie preisen Tufts als ausserordentliche Universität. Der junge Mann wirkt so, als wäre es mindestens der Lotterie-Hauptgewinn, wenn man hier studieren darf.

Eine kleine Schlange hat sich gebildet. Die Schülerin vor uns betont, dass sie gestern erst aus Israel zurückgekommen ist. Als sie an der Reihe ist um sich dem Tufts-Repräsentanten vorzustellen, wechselt sie mitten im Gespräch in fliessendes Hebräisch. Der Tufts-Repräsentant antwortet in fliessendem Hebräisch zurück. Die Begeisterung ist beidseitig.

Der amerikanische College-Wahnsinn treibt von Jahr zu Jahr seltsamere Blüten. Jedes Jahr mahnen Kritiker des US-Bildungssystems das Prestige einer Schule nicht überzubewerten. Nach dem Motto ‘Nicht jede Schule passt für jedes Kind ‘ fände man auch jenseits der großen Namen tolle Universitäten. Völlig richtig. Theoretisch.

Trotzdem ist der Andrang auf die Ivy League Colleges – die sogenannten großen 8 (Harvard, Yale, Princeton, Brown, Dartmouth, Cornell, Columbia, Univ. of Pennsylvania) – gewaltig. Und wenn schon nicht Ivy, dann wenigsten die 2. Reihe.

Um dorthin zu gelangen müssen 16 bis 17jährige Schüler wahre Wunderwesen sein. Zumindest, wenn man den glänzenden Broschüren und überzeugenden Augenaufschlägen der Aufnahme-Berater glauben darf.

Neben natürlich ausgezeichneten Zeugnissen der letzten High School Jahre, muss ein landesweiter 4 stündiger Uni-Zugangstest, der sogenannte SAT, mit hoher Punktzahl bestanden werden. Erfolgsversprechende Bewerbungsunterlagen enthalten ausserdem Empfehlungsschreiben der Lehrer und anderer möglichst bedeutender Menschen und persönliche Essays des Schülers, in denen er sein bisheriges Leben möglichst brillant beschreibt. Sportliche Höchstleistungen oder ein vielsprechendes Klavier Talent helfen auch.

Und wenn der Bewerber  morgens um 6 Uhr noch vor der Schule Brötchen für eine der vielen Armenküchen geschmiert hat, könnte das der entscheidende Pluspunkt für die Aufnahme sein.

Super gestresste Eltern verlassen sich bei der College-Bewerbung nicht mehr nur auf ihr Engagement und das ihres Kindes, sondern heuern hoch bezahlte College Admission Counselor (College-Aufnahme-Berater) an. Die haben neben den neuesten Tipps und Tricks wie man seine Chancen erhöht, meist auch sehr gute Kontakte zu den Aufnahme Ausschüssen der Top-Unis.

Die verzweifelte Facebook Message eines Freundes, selbst Harvard und Yale Absolvent:  ‘Hilfe, mein Sohn geht nächstes Jahr aufs College. Habe Angst etwas zu verpassen.Gibt’s dafür vielleicht ein App?’ wurde mit wohlmeinenden Kommentaren überschwemmt. Tenor: Falls nix mehr geht hilft Whisky oder Valium!

Der Tufts-Repräsentant mit Fliege hat endlich Zeit für uns. Meine Tochter: ‘Zählt der SAT-Test wirklich so viel?’  Tufts-Rep.: ‘Wer hat denn das erzählt…wir schauen uns alles an, die Zeugnisse, deine Essays, Empfehlungen. Du bist doch ein Top-Student, oder?’

Was die Traum-Uni kostet: Tufts liegt mit 46.598 Dollar im Jahr im oberen Drittel. Die teuerste Uni ist es noch lange nicht. Doch die Kosten für höhere Bildung in Amerika sind ein eigenes Thema.

Wir suchen jetzt erstmal den Stand von Columbia.

 

 

 

 

 

 

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