Tuesday, September 30th, 2014

Der Geiger im Bahnhof – Joshua Bell macht’s noch einmal

Joshua Bell gibt den Takt an: Weltklasse-Konzert mit 9 jungen Musikern im Hauptbahnhof von Washington, DC

Alle wollen Joshua spielen hören: Über 1000 Zuhörer kommen zum Mittags-Konzert.

Danach warten die Journalisten auf den Violin-Star.

Estelle, 82, quetscht sich auf der Treppe an mir vorbei noch eine Stufe höher. Vielleicht kann man von hier oben einen Blick auf ihn erhaschen. Es ist kurz nach halb eins am Mittag. Jetzt muss er jede Minute kommen.

‘Ich dachte, vielleicht ist wieder keiner da. Dieses Mal wollte ich dabei sein. Jeder Musiker, egal wie prominent,  freut sich doch über Zuhörer.’

Die Polizei versucht die gefährlich mit Menschen beladene Treppe zu räumen. Ohne Erfolg. Wo sollen wir auch hin? Die Menschen stehen Schulter an Schulter. Nichts geht mehr. Die Halle des Washingtoner Hauptbahnhofes ist voll. Dieses Mal wollen alle dabei sein, wenn der Geigenvirtuose und Klassik-Musikstar ein Gratiskonzert gibt.

Joshua Bell, 46, hat genau das schon einmal getan. Vor 7 Jahren spielte der Violinist in einer Metrostation in Washington. Inkognito – äusserlich ein Straßenmusikant mit Baseballkappe, Jeans und T-Shirt, vor sich den offenen Geigenkasten seiner millionenschweren Stradivari zum Trinkgeld einsammeln.

Das Experiment der WASHINGTON POST machte Schlagzeilen. Gene Weingarten, der Journalist mit der Idee, wollte wissen: Erkennen wir wahre Schönheit, wenn sie an einem gewöhnlichen Ort und zu ungewöhnlicher Zeit stattfindet?

Die Antwort: 1.070 Menschen liefen vorbei ohne den Weltklasse-Musiker zu beachten. 27 blieben stehen, ganze 7 haben zugehört. Das Trinkgeld für 45 Minuten Violine vom Feinsten: 32 Dollar.

Dieses Mal will Joshua Bell auf Nummer sicher gehen. Das Konzert ist angekündigt unter dem Titel ‘In case you missed it’ (falls sie es verpasst haben). Fernsehkameras, dunkelrote Absperrkordeln, Lautsprecherboxen. An den Auftritt eines Straßenmusiker erinnert das nicht mehr.

Und es scheint, als wollten auch die Washingtonians wieder gut machen, was sie vor 7 Jahren versäumt haben.

Junge Mütter mit Kleinkindern auf den Schultern, Studenten, Rentner und Regierungsmitarbeiter vom nahen Kapitol nutzen die Mittagspause um Joshua Bell spielen zu hören. Begleitet von 9 jungen Musikern der National Young Arts Foundation musiziert Bell 30 Minuten Mendelssohn und Bach.

Zhaoyin Feng, 24, steht neben mir und genießt die Musik. Sie schreibt für eine chinesische Zeitung über Bell’s ungewöhnliches Konzert.

‘Das einzige was mich stört, ist dieser unangenehme Geruch hier und die Rauchschwaden!’ Im Restaurant unter uns wird gerade Mittagessen gekocht. ‘Aber die Erfahrung ist schon einmalig.’

Klar, ein Stargeiger spielt nicht ohne Anliegen. Bell wirbt bei seinem zweiten Konzert im Bahnhof für eine bessere Musikerziehung bei Kindern. Und stellt ganz nebenbei seine neue CD mit Bach-Sonaten vor.

Seinen Geigenkasten hat er dieses Mal nicht aufgestellt. Trinkgeld sammeln ist im Washingtoner Hauptbahnhof nicht erlaubt!

(klick hier für video:) Joshua Bell

 

 

 

 

 

1634 days ago 2 Comments Short URL

2 Comments

  1. Sabine says:

    Du warst dabei, Christina, super, und danke für den Bericht. Ich wäre da auch gerne hingegangen!

    • Christina Dümler says:

      Habe Joshua Bell vor 4 Wochen im Lincoln Center gehört & gesehen. Different experience this time. I like him a lot!

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